1996 Aspects de la sexualité vus par les artistes d’Aujourd’hui

sexualitéZu weit – nicht weit genug?

„ASPECTS DE LA SEXUALITÉ VUS PAR LES ARTISTES D’AUJOURD’HUI“ – der Titel klingt nach wissenschaftlicher Abhandlung. Steril und gewissenhaft zugleich, irgendwie lustlos. So, als wolle man niemanden schockieren, möglichst neutral vorgehen. Bewußter Verzicht auf grellbunte Werbesprüche, die jede Ausstellung anpreisen, als wäre sie das ultimative Seh-Erlebnis schlechthin? Der Titel, demnach nicht zögerlich, sondern mit Absicht ohne Wertung? Das Thema als solches brisant genug? …

Eines steht fest: Auf einen Skandal waren die Ausstellungsmacher nicht aus. Bewußt haben sie auf Kunstwerke verzichtet, die sie als anstößig empfanden. Pornographisches sollte ihre Ausstellung nicht bieten, sondern, wie im Titel bereits angekündigt, möglichst viele Aspekte der menschlichen Sexualität. Den Besucher erwarteten Installationen, Skulpturen, Zeichnungen, Collagen, die sich fast ausschließlich um „das Eine“ drehten, um Männer und Frauen, um „klassische“ Phantasien, etwa vom stets potenten Mann oder vom Lustobjekt Frau, um zärtliche Annäherungen oder schmerzvolle Auseinandersetzungen. Dokumentiert wurden Lust und Verlangen, Verlust und Demütigung. Auch Aids und Kindesmißbrauch blieben nicht unreflektiert.

Groß war die Bandbreite der ausgestellten Werke Manche Künstler näherten sich dem Thema leicht verschämt, einige hatten ihre Werke stark kodiert, andere gingen frontal zur Sache oder aber wußten geschickt mit den voyeuristischen Erwartungshaltungen des Publikums zu spielen. Die Ausstellung wurde ihrem Titel gerecht. Eine wichtige Ausstellung, die mehr als 1700 Besucher in den Tutesall gelockt hat. Vielleicht lag aber auch gerade in dieser vielbeschworenen Vielfalt eine der Schwächen von „Aspects de la sexualité“, vielleicht wäre weniger und konsequenter mehr gewesen. Stellenweise geriet das Ausgestellte nämlich allzu „brav“, allzu vorhersehbar. Gerade die Sexualität, als wohl eine der Stärksten menschlichen Triebfedern, hätte einer kreativeren Auseinandersetzung bedurft.

Danièle Michels Catalogue 1996